Nach dem Sturm

Auch wenn wir in Zeiten der Veränderung und damit der Unsicherheit zuerst an uns selbst und an die Nächsten um uns herum denken, lohnt ein Blick über den Tellerrand. Wissenschaftler*innen wie auch Journalist*innen haben vielen verschiedenen Menschen ihre Frage gestellt: Was wird bleiben? Was können wir aus der Krise lernen? In der online Ausgabe der brandeins https://www.brandeins.de/ finden sich zum Beispiel diese Aussagen. 

Armin Grunwald, 59, Professor für Technikphilosophie am Karlsruher Institut für Technologie meint dieses:

„Dem Wort Normalität haftete lange etwas leicht Spießiges an. Durch die Pandemie hat es etwas Utopisches bekommen – etwas, wonach sich die Menschen wieder sehnen. Ich wünsche mir, dass wir nicht zur Normalität zurückkehren, sondern mehr Vorsorge treffen. Nicht nur im Gesundheitssystem, sondern generell. Wir hatten uns zu einer Gesellschaft entwickelt, in der alle – Individuen wie Unternehmen – von der Hand in den Mund leben. Ein fataler Leichtsinn, der durch das Virus aufgeflogen ist. Natürlich ist Vorsorge teuer. Man hält mehr Dinge vor, als man unmittelbar braucht, egal ob Intensivbetten, Nahrungsmittel, finanzielle Reserven oder wichtige Teile von Zulieferern. Aber die Krise hat uns gelehrt, dass dieses Geld gut angelegt ist, wenn man dadurch vermeiden kann, dass ganze Wirtschaftszweige ausfallen. Oder dass Firmen nach zwei Wochen Umsatzeinbußen sofort nach Staatshilfen verlangen müssen. Auch in der Weltwirtschaftskrise ab 2007 wurde viel gesprochen über die Lehren, die gezogen werden müssten. Davon ist wenig geblieben. Ich glaube, dass es bei dieser Krise anders sein wird. Sie greift zu tief in den Alltag jedes einzelnen Menschen ein, als dass wir einfach wieder zum Tagesgeschäft übergehen könnten. Was ebenfalls bleiben wird: Durch die Krise wurden wir in die digitale Welt hineingeworfen – auch diejenigen, die bislang damit gefremdelt haben. Wir erleben, wie digitale Tools es uns erlauben, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, und das Arbeiten von zu Hause in viel mehr Fällen möglich machen, als viele es vorher gedacht hätten. Wir sehen aber auch die Grenzen: Videokonferenzen mit 50 Teilnehmern, die alle etwas beitragen wollen, funktionieren nicht. Wir haben also erfahren, wofür die digitale Transformation gut ist und wofür nicht.“

Oder Ilka Hoffmann, 56, Lehrerin und Erziehungswissenschaftlerin, hat diese Antwort:

„Viele Lehrkräfte mussten unter dem Druck der Krise Dinge ausprobieren. Dadurch können sie besser erkennen, was die Chancen digitalen Lehrens und Lernens sind, aber auch, wo Lücken in der Ausstattung der Schule bestehen. So sollte klar geworden sein, dass Lehrkräfte ein Dienstgerät und eine dienstliche E-Mail-Adresse brauchen und nichtkommerzielle, sichere Plattformen. Was ich noch wichtiger finde: Lehrkräfte haben gelernt, genauer hinzuschauen, wie Kinder leben. Im Schulalltag geht dies oft unter. Über die soziale Herkunft wussten wir zwar oft Bescheid, sie wurde aber wenig im Unterricht berücksichtigt. Wie ungerecht das gleiche Lernangebot für alle ist, wurde unter anderem durch die unterschiedliche Ausstattung mit digitalen Endgeräten deutlich. Wie unter einem Vergrößerungsglas wurde sichtbar, woran unser Bildungssystem krankt: Es gibt keine Chancengleichheit. Diese Erkenntnis empfinde ich als positives Zeichen.

In den Behörden hat leider noch kein Umdenken stattgefunden: Hier lag das Augenmerk in der Krise von Anfang an vor allem auf den Prüfungen und auf dem vierten Schuljahr – weil das das Jahr ist, in dem wir sortieren, wer aufs Gymnasium darf und wer nicht. Diese Art von Schule – eine Einrichtung, die Bildung erst eintrichtert und dann abprüft – stammt aus dem 18. Jahrhundert. Würde man Bildung zeitgemäß denken, müsste die Unterrichtsgestaltung von Vornherein von unterschiedlichen Lernbedürfnissen ausgehen.

Digitale Angebote können helfen, den Unterricht individueller zu gestalten. Die Schnelleren können selbstständig lernen. Die Lehrkraft hat dadurch mehr Zeit für diejenigen, die mehr Unterstützung brauchen. Der klassische Frontalunterricht orientiert sich hingegen immer an den mittleren Köpfen, das heißt die Starken werden ausgebremst, die Schwächeren überfordert. Durch die Schulschließungen hat sich ein großer Teil des Unterrichts nach Hause verlagert. Ich habe von vielen Eltern gehört, dass sie es einerseits als Bereicherung empfanden, gemeinsam mit ihren Kindern zu lernen. Andererseits merken viele nun auch, wie herausfordernd Pädagogik ist. Sie bekommen dadurch neuen Respekt für die Lehrkräfte und merken, dass diese etwas können, das nicht jeder kann.“

Auch Cornelia Daheim, 47, Zukunftsforscherin, hat eine Meinung:

„In der Diskussion um die Pandemie wurde oft nur über Deutschland gesprochen und selten über die Entwicklungs- und Schwellenländer, die häufig keine robusten sozialen Sicherungssysteme haben. Dabei müssen wir uns klarmachen, in welcher privilegierten Situation sich unsere Gesellschaft im weltweiten Vergleich befindet.

Was mich ermutigt hat, war Solidarität im Kleinen: Sogar in der anfänglichen Schocksituation waren die Laternenpfähle plötzlich gepflastert mit Hilfsangeboten. Auch die Unterstützung für kleine Geschäfte, Cafés oder Restaurants wurde schnell von unten organisiert, etwa durch Gutscheinverkäufe in den sozialen Netzwerken. Nahezu alle – Einzelpersonen, Netzwerke, Vereine, Kirchen – haben an einem Strang gezogen. Ich glaube, dass wir dadurch als Gesellschaft gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

Skeptischer bin ich, was die Halbwertszeit der neuen Wertschätzung für die systemrelevanten Berufe angeht. Es wurde und wird geklatscht für das Pflegepersonal, aber die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für diese und andere Berufe ist Aufgabe der Politik und muss gesellschaftlich eingefordert werden.

Ebenso wichtig ist eine Diskussion darüber, wie wir mit anderen langfristigen Risiken umgehen wollen – der Klimawandel ist das offensichtlichste Beispiel. Wir haben gesehen, dass es möglich ist, radikal umzusteuern, wenn es einen triftigen Grund gibt.

Was mir Hoffnung gibt: Ob es die Podcasts der Virologen sind oder die Wissenschaftsberichterstattung in den Publikumsmedien – noch nie hat sich die Bevölkerung so intensiv mit wissenschaftlichen Themen beschäftigt. Das könnte positive Effekte haben, die über die akute Krise hinausreichen.“

Weitere Meinungen und Antworten lesen Sie hier: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2020/neu-sortieren/nach-dem-sturm-teil-1 Zugriff am 27.7.2020

Protokolle: Christoph Koch
Illustration: Christina Gransow

Nach dem Sturm

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