Inklusion in Coronazeiten- Und wer bleibt zurück?

In der Zeit vor Corona haben Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam in Kitas und Schulen gelebt und gelernt. Die Bedingungen dafür waren damals auch nicht optimal. Aber die Idee war stark. Dafür haben Eltern von Kindern mit einer Behinderung jahrelang gekämpft und Akteur*innen aus den Institutionen haben mühevoll und mit viel Engagement Strukturen aufgebaut und Prozesse ins Rollen gebracht. Was ist jetzt mit dieser Idee?

Schauen wir auf das Beispiel von Luzia und ihrer Mutter. Luzia sitzt im Rollstuhl und ihre geistige Entwicklung ist eingeschränkt, sie hat eine infantile Zerebralparese. Vor Corona hatte Luzia einen durch Schule und Nachmittagsbetreuung strukturierten Tag. Sie hatte soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen, zu beobachten waren enge Beziehungen auch zu jüngeren Kindern. In der Schule erhielt sie von unterschiedlichen Erwachsenen Impulse zur Förderung ihrer Entwicklung. Wahrscheinlich fühlte sich Luzia angenommen und wertgeschätzt. All das war nicht einfach zu gestalten und forderte die Akteur*innen jeden Tag aufs Neue heraus.

Mit der Schließung der Schule war die Mutter nun gefordert, 24 Stunden täglich die Pflege und Betreuung von Luzia zu übernehmen: als Lehrerin, Therapeutin, Pflegerin. Und Luzia fühlte sich allein- Gleichaltrige können auch nicht durch Eltern ersetzt werden. 

Dann kam die Wieder-Öffnung der Schulen und die Hoffnung auf die Wiedererlangung der so hart erarbeiteten Normalität war groß. Aber kurz davor kam ein Anruf von der Schule: Die Regeln sind so scharf, dass diese mit einem Kind mit einer solchen Behinderung wie Luzia sie hat, nicht umgesetzt werden können. Da bricht eine Welt zusammen.

Dieses Beispiel stammt aus NRW. Und es erzählt von Diskriminierung. Und es ist sicher kein Einzelfall. Kinder werden ausgeschlossen, ihr Recht auf eine uneingeschränkte Teilhabe wird nicht umgesetzt. Mit der pauschalen Begründung, das Kind könne keine Hygiene- und Abstandregeln einhalten demonstrieren Verantwortliche: Du bist anders und deshalb grenzen wir dich aus.

So wie Bildung ein Grundrecht eines jeden Kindes ist, ist es auch das gemeinsame Leben und Lernen in der Kindergruppe. Die Bedingungen für eine Umsetzung werden aktuell, mit Corona, nicht einfacher, denn Lehrer*innen und Fachkräfte in Kitas fehlen. Und doch gibt es keine Wahl: Inklusion ist politisch beschlossen und muss für eine gerechte Gesellschaft umgesetzt werden. Wir brauchen Ideen, wie das gelingen kann. Wir sollten aufpassen, dass wir die Dinge für die Zukunft wieder ins Rollen bringen. Und niemanden zurücklassen.

Autorin: Anke Mamat


https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article164742698/Deutsche-Schulen-scheitern-an-einem-grossen-Versprechen.html

Unter Verwendung von: https://www.domradio.de/themen/corona/2020-06-08/rolle-rueckwaerts-bei-der-inklusion-kinder-und-jugendliche-mit-behinderung-der-corona-krise. Zugriff am 21.9.2020

Foto: Ida Siebenhaar

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