Den Potenzialblick offline und online entfalten

Warum die Relevanz von Beziehung für nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse nicht genug betont werden kann

Während mehrheitlich darüber diskutiert wird, dass Deutschland ein Schlusslicht beim digitalen Lernen sei, wie Lehrkräfte im Bereich Lernplattformen und Onlinetools fortgebildet und zügig alle Lernenden mit digitalen Endgeräten ausgestattet werden können, droht die Beziehung als Erfolgsfaktor in Vergessenheit zu geraten. Es sei an dieser Stelle vorab erwähnt, dass sich Formen des digitalen Lernens und gelingende Beziehungen zwischen Lernenden und Lernbegleiter*innen keinesfalls per se ausschließen. Ein Blick auf ältere und jüngere Forschung zeigt, dass Kinder von Beginn an vor allem dann erfolgreich lernen, wenn sie wertschätzend begleitet werden. Uns Pädagog*innen stellen sich dann mit Blick auf den Alltag ziemlich schnell konkrete Fragen, die die Umsetzung betreffen. Wie kann ich positive Bindungserfahrungen in der Kita gestalten, wenn ich 12 Kinder in einer Gruppe begleite, die mit unterschiedlichen Voraussetzungen, Sorgen und Anliegen gleichzeitig gesehen werden wollen? Wie kann ich als Klassenlehrer*in in einer Grundschulklasse mit 27 Kindern stabile Beziehungen ermöglichen, den Lehrplan erfüllen und ganz nebenbei noch Schulentwicklung im Blick behalten? Was kennzeichnet denn die allbeschworene Haltung, die so entscheidend ist? Bevor darauf eine mögliche Antwort erfolgt, zunächst trotzdem ein Blick auf die Forschung.

Der Zusammenhang zwischen Beziehung und Lernen

Neugeborene haben vom ersten Tag an das Bedürfnis sich mit anderen zu verbinden. Dies beschrieb John Bowlby, der Begründer der Bindungstheorie, bereits in den 1940er Jahren. Dabei geht es zunächst um eine emotionale Bindung zu relevanten Bezugspersonen wie z.B. den Eltern. Spürt das Kind Unsicherheit und Angst während es seine Umwelt erkundet oder braucht es Trost, dann sucht es den Kontakt zur Bezugsperson über Blickkontakt, Bewegungen oder Laute. Erst wenn es sich in Sicherheit fühlt, kann es wieder seine Umgebung mit Freude und Neugier erforschen. Das Wechselspiel von Bindung und Exploration wird im „Kreis der Sicherheit“[1] anschaulich dargestellt. Darin wird auch deutlich, dass es neben dem Bedürfnis der Sicherheit auch darum geht, Selbstwirksamkeit, Unterstützung und das gemeinsame Feiern von Erfolgen zu erleben. In der Folge lernen Kinder darüber hinaus, ihre eigenen Gefühle zu regulieren und ihre Kommunikation zu entwickeln.

Das Wechselspiel zwischen kindlichem Interaktionsverhalten und gelingenden Beziehungen setzt sich fort, wenn Kinder institutionell durch Pädagog*innen begleitet werden. Regina Remsperger[1] verweist in diesem Zusammenhang auf das Konzept der sensitiven Responsivität, das ebenfalls auf bindungstheoretischen Grundlagen beruht. Je nachdem, ob und wie feinfühlig die pädagogische Fachkraft reagiert, desto stabiler ist die Beziehung. Kindliche Lernprozesse können stimuliert oder in ihrem Interaktionsgeschehen ausgebremst werden.

Die Bedeutsamkeit gelingender Beziehungen für erfolgreiche Lern- und Entwicklungsprozesse wurde schließlich auch für schulische Bildung hinreichend nachgewiesen. Helga Breuninger und Dieter Betz haben im Wirkungsgefüge des Lernens drei Dialogkreise sichtbar gemacht (siehe Abb.[3]). Der Beziehungsdialog und der Lerndialog sind für die Kompetenzentwicklung mindestens ebenso relevant wie der innere Dialog.[4] Annedore Prengel untersuchte innerhalb des Projektnetzes INTAKT die Relevanz anerkennenden Lehrerhandelns für soziales und kognitives Lernen in der Grundschule. [5] Wenn Kinder positive Bindungserfahrungen sammeln, sie also anerkennende, offene, empathische und prompte Reaktionen auf ihre Äußerungen erfahren, dann entwickeln sie Selbstwirksamkeit und Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, erleben sich als eingebunden. Sind pädagogische Settings zusätzlich so gestaltet, dass die Lernenden autonom ihre Umwelt erkunden können, dann hat dies nachhaltig positiven Einfluss auf die Motivation der Lernenden. Damit wären wir bei Deci und Ryan und der Selbstbestimmungstheorie angekommen.    

Der Zusammenhang zwischen Wertschätzung, sozialer Anerkennung und Motivationsverhalten wurde in den letzten Jahren vor allem in neurobiologischen Studien untersucht. Dabei wurde deutlich, dass „Emotionen eine entscheidende Rolle in Denkprozessen spielen, [… und] sich wesentliche Strukturen im Gehirn erst über gelingende Beziehungserfahrungen entwickeln.“[6] Last but not least sei auch an dieser Stelle auf die Metastudie von John Hattie (2013) hingewiesen. Die Lehrer-Schüler-Beziehung hat eine hohe Effektstärke, wirkt sich also nachhaltig positiv auf die Leistungen der Lernenden aus. Angst hingegen beeinflusst die Leistungen der Lernenden in besonderem Maße negativ.

Was kennzeichnet eine Haltung, die gelingende Beziehungen ermöglicht?

John Hattie nennt als Faktoren eines personenzentrierten Agierens beispielsweise Empathie, Wärme, Authentizität, Nondirektivität, Lernermutigung u.a. [7] Helga Breuninger beschreibt eine beziehungsorientierte Haltung auf der Basis  einer Grundhaltung aus Akzeptanz, Intuition, Empathie und einem Ressourcenblick[8] sowie einem ausgewogenen Verhältnis von Empathie und Führung. Auch die pädagogische Sensitivität im Kita-Alltag basiert auf zugewandten verbalen und vor allem nonverbalen Reaktionen, die anerkennend und empathisch sind. Voraussetzung ist allerdings nicht nur eine auf Wertschätzung basierende Grundhaltung, sondern auch die Fähigkeit kindliche Verhaltensweisen zu beobachten und zu verstehen. Da Lernen allerdings ein hochgradig individueller Prozess ist, der im inneren Dialog stattfindet, bedarf es eines offenen Austauschs und echten Interesses an den Denkweisen, der Wahrnehmung und der Vorgehensweise eines jeden Lernenden.

Theorie ohne Praxis?

Nun bleibt immer noch die Frage nach der konkreten Umsetzung im oftmals stressigen Alltag, geprägt von vielfältigen Erwartungen, der Erfüllung vieler unterschiedlicher Bedürfnisse zur gleichen Zeit und anspruchsvollen Situationen. Die Gewaltfreie Kommunikation ( GFK) nach M. Rosenberg bietet dafür in vielfältiger Hinsicht einen konkreten Ansatzpunkt. Das Konzept der GFK integriert sowohl die auf Wertschätzung, Empathie und Authentizität basierende Grundhaltung. Darüber hinaus ermöglichen die 4 Schritte (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte) eine konkrete Handlungseinladung, um in stressigen Situationen innezuhalten und mit Achtsamkeit mit sich selbst verbunden zu bleiben. Die Trennung von Beobachtung und Bewertung mit entsprechenden Übungen und Formulierungen gibt Klarheit darüber, was in einer bestimmten Situation passiert ist und wie die Beteiligten sie jeweils erlebt haben. Damit eröffnet sich ein praktisches Tor, um mit Lernenden gemeinsam über den Lernprozess in den Austausch zu gehen, egal welchen Alters. Dies wiederum schafft Entschleunigung und eine Begegnung auf Augenhöhe. Die Integration der Gefühle und Bedürfnisse mag mitunter zunächst befremdlich wirken, ist allerdings essentiell, um zum Potenzialblick zu gelangen und ressourcenorientiert auf Lernsituationen und Konflikte zu schauen. Es ermöglicht außerdem, Strategien zu entwickeln, um mit Herausforderungen selbstwirksam umzugehen. Schließlich wird ein Lernraum geschaffen, in dem Sicherheit, Anerkennung und Soziales Eingebundensein relevant sind.

Die 4 Schritte und die dahinterliegende Grundhaltung können genauso hilfreich sein, wenn ich in Videokonferenzen, Onlineberatungen oder Chats im Austausch mit Lernenden stehe. Dann bedarf es natürlich anderer Ausdrucksweisen und die nonverbale Interaktion wird verändert. Nichtsdestotrotz können wir uns mithilfe der GFK Lernenden zuwenden und sie in ihren Lern- und Entwicklungsprozessen nachhaltig begleiten.

Sie sind Pädagog*in und arbeiten mit Kindern oder Jugendlichen und möchten die GFK kennenlernen? Dann melden Sie sich zu folgender Veranstaltungsreihe an!

„Wenn du weiter so machst…!“ Gewaltfreie Kommunikation in der Praxis- Seminarreihe ab Januar 2021

Autorin: Rebecca Giersch

Quellenangaben:

(1)- 2000 Cooper, Hoffman, Marvin und Powell am 2.10.2020 unter https://www.circleofsecurityinternational.com/wp-content/uploads/circle-of-security-w-formula-german.pdf; (2)-Remsperger, Regina: Auf die Beziehungsgestaltung kommt es an. am 2.10.2020 unter http://liga-kind.de/fk-111-remsperger/ (3)- Quelle: https://www.lerntherapie-fil.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/wirkungsgefuege_I%402x.jpg (4)- Breuninger, Helga; Schley, Wilfried: Beziehung und Leistung. Potenzialentfaltung braucht den Potenzialblick. Am 2.10.2020 unter http://www.helga-breuninger-stiftung.de/wp-content/uploads/Booklet_BeziehugenLeistungen_A5_RZ-4.pdf (5)-Prengel, Annedore (2012): Anerkennung in Lehrer-Schüler-Beziehungen als Bedingung sozialen und kognitiven Lernens. In: Hellmich u.a.: Bedingungen des Lehrens und Lernens in der Grundschule. Bilanz und Perspektiven. (6)-Breuninger, Helga; Schley, Wilfried: Beziehung und Leistung. Potenzialentfaltung braucht den Potenzialblick. Am 2.10.2020 unter http://www.helga-breuninger-stiftung.de/wp-content/uploads/Booklet_BeziehugenLeistungen_A5_RZ-4.pdf  (7)-https://web.fhnw.ch/plattformen/hattie-wiki/begriffe/Datei:Lehrer-Sch%C3%BCler-Beziehung.jpeg (8)- Breuninger, Helga; Schley, Wilfried: Beziehung und Leistung. Potenzialentfaltung braucht den Potenzialblick. Am 2.10.2020 unter http://www.helga-breuninger-stiftung.de/wp-content/uploads/Booklet_BeziehugenLeistungen_A5_RZ-4.pdf[1]

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